WISSENSCHAFT

Robotik macht den Unterschied

Immer mehr Roboter sollen Schlaganfallpatienten das Laufen lernen. Doch wem helfen sie? Und wie viel? Prof. Dr. Jan Mehrholz hat weltweit Studien zur Wirksamkeit von Gangrobotern in der neurologischen Rehabilitation ausgewertet. Das Ergebnis macht Mut. Im Interview erklärt der Experte die aktuelle Studienlage und die Vorteile der Technik.

Interview: Mario Leisle

Die aktuelle Studienlage hinsichtlich Gangrobotern in der neurologischen Rehabilitation nach Schlaganfall ist insgesamt sehr gut. Nach unserer neuesten Cochrane Review mit Stand 2020 könnte jede achte Gehbehinderung nach einem Schlaganfall durch roboterassistiertes Gehtraining verhindert werden. Auch zeigt sich, dass sich die Gehgeschwindigkeit von Patienten nach Schlaganfall, das ist neu nach unserem aktuellen Review, ein wenig durch Gangroboter verbessern lässt.

Die Kehrseite des medizintechnischen Fortschritts sind überzogene Heilversprechen und zum Teil falsche Aussagen über die Sicherheit und Leistungsfähigkeit von Medizinprodukten. Insbesondere der Skandal um einen französischen Brustimplantat-Hersteller im Jahr 2010 hat dafür gesorgt, dass das Vertrauen in die Medizintechnik geschwunden ist. Illegal brachte das Unternehmen damals Brustimplantate auf den Markt, die weltweit rund 500.000 Frauen eingesetzt worden waren und schwere Gesundheitsprobleme verursachten. Kein Wunder: Statt mit hochwertigem medizinischem Silikon befüllte das Unternehmen seine Implantate aus Profitgier mit handelsüblichem Industriesilikon aus dem Baumarkt [8, 10, 13, 18]. 

Es sind unterschiedliche Roboter in der neurologischen Rehabilitation im Einsatz. Gibt es Unterschiede in der Wirkungsweise?

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe verschiedener Arten von Gangrobotern, zum Beispiel die stationären Exoskelette oder die stationären Endeffektoren, aber auch mobile Exoskelette. Für die stationär in der Rehabilitation eingesetzten Endeffektor- und Exoskelettgeräte gibt es mittlerweile eine Vielzahl von kontrollierten und größtenteils methodisch gut durchgeführten Studien. Hinsichtlich des Wiedererreichens der Gehfähigkeit gibt es keine Unterschiede zwischen Exoskelett und Endeffektor, im Übrigen auch nicht bei unterschiedlich schwer betroffenen Patienten nach Schlaganfall. Das heißt, schwerbetroffene Patienten können sowohl mit einem Exoskelett als auch mit einem Endeffektorgerät sinnvoll behandelt werden.

Das betrifft die Gehfähigkeit. Aber wie ist es, wenn Patienten bereits die ersten Schritte laufen können. Gibt es dann Unterschiede?

Allerdings, hinsichtlich der Gangparameter wie Gehgeschwindigkeit und Gangausdauer gibt es deutliche Unterschiede zwischen diesen beiden Gerätearten. In indirekten Vergleichen in Metastudien zwischen Exoskelett und Endeffektor schneiden die Endeffektorgeräte deutlich besser ab als die Exoskelette hinsichtlich der Verbesserung von Gehgeschwindigkeit und Gangausdauer. Das heißt, dass Patienten nach Schlaganfall nach einer Behandlung mit Endeffektorgeräten deutlich schneller und länger gehen können. Insgesamt gibt es jedoch keine direkten Vergleiche in klinischen Studien zwischen unterschiedlichen Geräten.

 

Sie erwähnten schon die mobilen Exoskelette, die den Patienten im Raum bewegen können. Sie sind die jüngste Gerätegeneration. Gibt es dazu schon Erkenntnisse?

Sie haben ihre Vorteile – ich denke da vor allen Dingen in der Rolle als Geh-Hilfsmittel im Alltag. Doch es gibt für die mobilen Exoskelette bislang wenig Studien zu Trainingseffekten und auch noch kaum wissenschaftliche Evidenz zur Verbesserung von Gangparametern durch ein Training mit solchen mobilen Exoskeletten. Die wenigen Studien, die es gibt, zeigen keine klare Verbesserung durch ein Gehtraining damit. Darüber hinaus gibt es keinen direkten Vergleich zwischen mobilen und stationären Exoskeletten.

Der Indego gehört zur neuen Generation der mobilen Exoskelette. In welcher Phase nach dem Schlaganfall können Patienten am meisten von den Gangrobotern profitieren?

In unserem aktuellen Cochrane Review fanden wir die größten Effekte in den ersten drei Monaten nach einem Schlaganfall. Allerdings gab es auch sehr viele Studien, die zu einem späteren Zeitpunkt noch Effekte zeigen. Etwas bedeutender als der Zeitpunkt und die Phase nach dem Schlaganfall ist der Schweregrad der Patienten. Alle unsere Analysen deuten darauf hin, dass vor allem die schwerbetroffenen Patienten, die gar nicht gehen oder zum Teil noch nicht einmal sitzen können, von dieser Technologie profitieren. Patienten hingegen, die bereits einige Meter weitgehend alleine unter Aufsicht gehen können, profitieren wohl eher nicht von dieser teuren Technologie.

Zurzeit stehen solche Gangroboter in immer mehr neurologischen Rehabilitationskliniken, bisher nur in ganz wenigen ambulanten Praxen. Wird sich das ändern?

Es ist zurzeit nicht klar, ob sich die Technik für die Praxen lohnt, einerseits hinsichtlich der extrem hohen Kosten und deren Vergütung, andererseits hinsichtlich der Effekte, da die meisten Patienten in ambulanten Praxen gehfähig sind. Ein großes Thema ist die Vergütung für bestimmte Leistungen. Nur wenn solche Therapien verordnungsfähig sind und vergütet werden, würde es sich für die Praxen lohnen.

Herzlichen Dank für dieses Gespräch.

QUELLE

Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe | thala 2020/03 | www.schlaganfall-hilfe.de | Schulstraß 22 | 33311 Gütersloh | Mario Leisle