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SCIENCE
Mehr gehen, intensiver trainieren, gemeinsam üben

Was die neue ESO-Leitlinie zur motorischen Rehabilitation nach Schlaganfall für Mobilität und Balance bedeutet

Author
Jakob Tiebel
Unternehmensberater Gesundheitswesen
Wenn Menschen nach einem Schlaganfall gefragt werden, was sie sich am meisten zurückwünschen, lautet die Antwort häufig nicht „mehr Kraft im Arm“, sondern: wieder sicher gehen können. Gehen bedeutetSelbstständigkeit, Teilhabe, Würde – und entscheidet darüber, ob jemand seine Wohnung verlässt oder nicht. Umso bemerkenswerter ist es, dass es bis vor Kurzem keine eigenständige europäische Leitlinie gab,die sich explizit der motorischen Rehabilitation nach Schlaganfall widmet. Mit der im Dezember 2025 veröffentlichten Leitlinie der European Stroke Organisation (ESO) hat sich das geändert. Die Leitlinie zur motorischen Rehabilitation nach Schlaganfall ist die erste ihrer Art und setzt dort an, wo der klinische Alltag seit Jahren nach Orientierung verlangt: bei Dosis, Intensität, Organisationsformen und alltagsrelevanten motorischen Funktionen. Besonders deutlich wird dabei eine Botschaft, die für die Gehfähigkeit zentral ist: Mehr hilft – aber nur, wenn es richtig gemacht wird
Mindestens 20+ Stunden zusätzliches Gehtraining zur Verbesserung der Gehfähigkeit.
Warum diese Leitlinie wichtig ist
Die neue ESO-Leitlinie unterscheidet sich von vielen früheren Empfehlungen dadurch, dass sie nicht versucht, „alles“ abzudecken. Stattdessen kon zentriert sie sich auf klinisch besonders relevante Fragestellungen, sogenannte PICO-Fragen, darunter gezielt auf das Gehen, die Trainingsintensität, Gruppentherapie und das Aufstehen aus dem Sitzen. Entwickelt wurde sie nach standardisierten ESO-Verfahren und mithilfe des GRADE-Systems, das die Qualität der Evidenz transparent bewertet. Wo be lastbare Studien fehlen, werden Expertinnen- und Experteneinschätzungen klar als solche gekennzeichnet.
Wer wieder gehen lernen will, muss gehen – mindestens 20 Stunden extra
Eine der zentralen Aussagen der Leitlinie betrifft die Dosis von Gehtraining. Auch wenn die Studienlage heterogen ist, kommt die Expertengruppe zu einem klaren Konsens: Zusätzliche Gehzeit verbessert die Gehfähigkeit nach Schlaganfall. Konkret wird empfohlen, zur üblichen Rehabilitation mindestens 20 zusätzliche Stunden gezieltes Gehtraining einzuplanen, typischerweise verteilt auf drei bis fünf Einheiten pro Woche über vier bis sechs Wochen.

Diese Empfehlung ist bemerkenswert, weil sie einen impliziten Missstand offenlegt: In vielen Rehabilitationssettings wird schlicht zu wenig gegangen. Gehen wird häufig „mittrainiert“, aber nicht systematisch, nicht repetitiv und nicht in ausreichendem Umfang. Die Leitlinie macht nochmal deutlich, dass Gehfähigkeit kein Nebenprodukt ist, sondern gezielt und ausreichend lange trainiert werden muss, um relevante Verbesserungen in Gehstrecke, Geschwindigkeit und Ausdauer zu erzielen
Transfer-Pakete einsetzen, damit Therapieerfolge im Alltag wirksam werden.
Intensität zählt – besonders in der chronischen Phase
Noch klarer wird die Leitlinie beim Thema Trainingsintensität. Für Menschen in der chronischen Phase nach Schlaganfall, die kardiovaskulär stabil sind, spricht sie eine starke Empfehlung für hochintensives Gehtraining aus, zumindest im Hinblick auf die Geh-Ausdauer. Auch für die Gehgeschwindigkeit zeigen sich Vorteile, wenn auch mit geringerer Evidenzstärke.

Was bedeutet „hochintensiv“? Gemeint ist kein gemütliches Gehen im Flur, sondern Training an oder nahe der individuellen Leistungsgrenze – etwa auf dem Laufband, mit Geschwindigkeitsvorgaben oder Herzfrequenzzielen. Die Leitlinie sendet hier ein klares Signal an die Praxis: Schonung ist kein therapeutisches Prinzip, zumindest nicht in der chronischen Phase. Wer sicher gehen will, muss gefordert werden.

Diese Aussage ist besonders relevant, weil sie einer noch immer verbreiteten Zurückhaltung gegenüber intensiver Belastung nach Schlaganfall widerspricht. Die ESO-Leitlinie macht deutlich: Wenn die medizinischen Voraussetzungen stimmen, ist intensives Gehtraining nicht nur sicher, sondern wirksam.
Balance ist trainierbar – über funktionelle Übergänge und gezielte Übungsformate
Neben dem Gehen rückt die Leitlinie auch die posturale Balance als zentrale Voraussetzung für sichere Mobilität in den Fokus. Dabei wird insbesondere die zusätzliche Integration von Sit-to-Stand-Übungen hervorgehoben. Das wiederholte Aufstehen und Hinsetzen ist funktionell hochrelevant, alltagsnah und lässt sich in unterschiedlichen therapeutischen Kontexten einsetzen – von einfachen Übungssettings bis hin zu strukturierten, gerätegestützten Trainingsformen.

Die Leitlinie empfiehlt, Sit-to-Stand-Training ergänzend zur üblichen Therapie einzuplanen, um die Balancefähigkeit gezielt zu fördern. Auch wenn Dauer, Frequenz und Wiederholungszahlen bislang nicht eindeutig definiert sind, unterstreichen die Ergebnisse, dass Balance besonders dann wirksam trainiert wird, wenn funktionelle Übergänge systematisch, repetitiv und progressiv geübt werden. Dies schließt sowohl manuelle als auch technisch unterstützte Trainingsansätze ausdrücklich ein.

Gerade für Menschen mit eingeschränkter Mobilität kann Sit-to-Stand-Training einen gut steuerbaren Einstieg bieten, um Balance, Kraft und funktionelle Sicherheit parallel zu entwickeln. In der Praxis lässt sich dieses Prinzip flexibel erweitern – etwa durch gerätegestützte Balance- und Stehtrainings, die Wiederholungszahlen, Belastung und Sicherheitsaspekte präzise kontrollierbar machen und so eine individualisierte Progression ermöglichen.
Gemeinsam trainieren – Gruppentherapie ist kein Kompromiss
Ein weiterer praxisrelevanter Aspekt der Leitlinie betrifft die Organisation von Therapie. Entgegen der oft impliziten Annahme, Einzeltherapie sei per se wirksamer, zeigt die verfügbare Evidenz: Aufgabenorientiertes Gruppentraining für die unteren Extremitäten ist mindestens genauso effektiv wie zeitlich vergleichbare Einzeltherapie – insbesondere für Balance, Gehgeschwindigkeit und Geh-Ausdauer. Die Leitlinie spricht hier eine vorsichtige, aber klare Empfehlung aus. Entscheidend ist nicht das Setting an sich, sondern die Qualität des Trainings, die Aufgabenspezifik und eine angemessene therapeutische Supervision. Für die Versorgungspraxis ist das eine wichtige Botschaft, denn Gruppentherapie kann nicht nur effektiv, sondern auch ressourcenschonend und motivierend sein.
Sit-to-Stand-Training ergänzen, um die posturale Balance gezielt zu verbessern.
Transfer in den Alltag – damit Training wirksam bleibt
Ergänzend zu inhaltlichen und strukturellen Trainingsaspekten weist die Leitlinie auf die Bedeutung sogenannter Transfer Packages hin. Gemeint sind begleitende verhaltensorientierte Maßnahmen, die darauf abzielen, therapeutische Fortschritte nachhaltig in den Alltag zu übertragen. Auch wenn die aktuelle Evidenzlage noch begrenzt ist, besteht unter den Expertinnen und Experten ein breiter Konsens, dass solche Transferstrategien die Wirksamkeit motorischer Rehabilitation sinnvoll unterstützen können.

Ein Transfer Package kann beispielsweise die regelmäßige Selbstbeobachtung von Aktivitäten, kurze Reflexionseinheiten, problemorientierte Gespräche, vereinbarte Übungsziele, alltagsnahe Heimübungen sowie strukturierte Rückmeldeschleifen umfassen. Gerade bei der Förderung von Mobilität und Balance kann dieser Ansatz dazu beitragen, dass im Training erarbeitete Fähigkeiten nicht auf die Therapiesituation beschränkt bleiben, sondern im häuslichen und sozialen Umfeld tatsächlich angewendet werden.

In Kombination mit aufgabenorientiertem, repetitivem und – wo sinnvoll – technologiegestütztem Training entsteht so ein Rahmen, der nicht nur Leistungsgewinne ermöglicht, sondern deren Umsetzung, Stabilisierung und Weiterentwicklung im Alltag systematisch unterstützt.
Was bleibt – und was sich ändern sollte
Die ESO-Leitlinie verschweigt nicht, dass viele Empfehlungen auf moderater bis sehr niedriger Evidenz beruhen. Das ist kein Mangel der Leitlinie, sondern ein Spiegel des Forschungsstands. Gleichzeitig formuliert sie einen klaren Auftrag an Forschung und Praxis: Dosis, Intensität und Trainingsorganisation müssen künftig gezielter, vergleichbarer und international abgestimmt untersucht werden.
Für die klinische Praxis aber ist die Botschaft bereits jetzt deutlich:
Wer Mobilität und Balance nach Schlaganfall verbessern will, muss mehr gehen lassen, intensiver trainieren, funktionelle Übergänge üben und organisatorische Barrieren hinterfragen. Die neue ESO-Leitlinie liefert dafür keine einfachen Rezepte, aber einen klaren Kompass.

Zentrale Empfehlungen zur Rehabilitation der unteren Extremität European Stroke Organisation (ESO) Guideline Motor Rehabilitation (2025)

1. Dosis und Umfang erhöhen

Um Gehgeschwindigkeit und Geh-Ausdauer nachhaltig zu verbessern, empfiehlt die Leitlinie, den Umfang des Gehtrainings gezielt zu erhöhen. Als Orientierung gelten mindestens 20 zusätzliche Stunden spezifisches Gehtraining, verteilt über mehrere Wochen und ergänzt zur bestehenden Rehabilitation.

2. Intensität gezielt nutzen

Für Menschen in der chronischen Phase nach Schlaganfall mit stabiler kardiovaskulärer Situation wird hochintensives Gehtraining empfohlen. Dieses kann die Gehgeschwindigkeit und insbesondere die Geh-Ausdauer deutlich verbessern, sofern es sicher, strukturiert und individuell angepasst durchgeführt wird.

3. Sit-to-Stand systematisch integrieren

Zusätzliches, repetitives Sit-to-Stand-Training wird empfohlen, um die posturale Balance zu fördern. Funktionelle Übergänge wie das Aufstehen und Hinsetzen spielen eine zentrale Rolle für Mobilität, Transfersicherheit und Alltagskompetenz und lassen sich in unterschiedlichen Trainingssettings umsetzen.

4. Gruppentherapie gezielt einsetzen

Aufgabenorientiertes Gruppentraining für die unteren Extremitäten ist mindestens ebenso wirksam wie zeitlich vergleichbare Einzeltherapie, insbesondere in Bezug auf Gehgeschwindigkeit, Geh-Ausdauer und Balance. Gruppensettings können zudem Motivation, Aktivität und Therapiedichte positiv unterstützen – bei angemessener Supervision

5. Aktivität über den Therapieraum hinaus fördern

Die Leitlinie unterstreicht die Bedeutung eines hohen Aktivitätsniveaus über den Tag hinweg. Menschen nach Schlaganfall sollten dabei unterstützt werden, bis zu sechs Stunden täglich aktiv zu sein, durch eine Kombination aus Therapie, angeleiteter Eigenübung und Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL).

6. Individuell und zielorientiert trainieren

Rehabilitation sollte konsequent an den Zielen der Patienten ausgerichtet sein. Entscheidend sind funktionelle, repetitive und progressiv gestaltete Trainingsinhalte, die sich flexibel an Leistungsstand, Motivation und Alltagserfordernisse anpassen lassen.
Hochintensives Gehtraining auch zur Verbesserung der Gehfähigkeit nutzen.
Author
Jakob Tiebel
Unternehmensberater Gesundheitswesen
Jakob Tiebel, Ergotherapeut, Studium in angewandter Psychologie mit Schwerpunkt Gesundheitswirtschaft. Klinische Expertise durch frühere therapeutische Tätigkeit in der Neurorehabilitation. Forscht und publiziert zum Theorie-Praxis-Transfer in der Neurorehabilitation und ist Inhaber von einer Agentur für digitales Gesundheitsmarketing.
References:
  1. Alt Murphy M, Munoz-Novoa M, Heremans C, Branscheidt M, Cabanas-Valdés R, Engelter ST, Kruuse C, Kwakkel G, Lakičević S, Lampropoulou S, Luft AR, Marque P, Moore SA, Podlasek A, Shankaranarayana AM, Shaw L, Solomon JM, Stinear C, Swinnen E, Turolla A, Verheyden G. European Stroke Organisation (ESO) guideline on motor rehabilitation. Eur Stroke J. 2025 Dec;10(4):1160-1188. doi: 10.1177/23969873251338142. Epub 2025 May 22. PMID: 40401760; PMCID: PMC12098312. l.ead.me/therapy-26-01-54 https://academic.oup.com/esj/article/10/4/1160/8377197

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