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WISSENSCHAFT
Rückblick auf den DGNR‑Kongress 2025

Unter einem D-A-CH: Evidenz, Praxis und Innovation

Author
Jakob Tiebel
Unternehmensberater Gesundheitswesen
Vom 4. bis 6. Dezember 2025 fand in Freiburg die gemeinsame Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurorehabilitation (DGNR), der Schweizerischen Gesellschaft für Neurorehabilitation (SGNR) und der Österreichischen Gesellschaft für Neurorehabilitation (ÖGNR) statt. Unter dem Leitmotiv „Unter einem D-A-CH: Evidenz, Praxis und Innovation“ vereinte der Kongress Fachpersonen aus allen drei Ländern sowie sämtliche an der Neurorehabilitation beteiligten Berufsgruppen – klinisch Tätige, Forschende und Versorgungsexperten – zu einem interprofessionellen und transnationalen Austausch.
Angesichts der weltweit zunehmenden Bedeutung neurologischer Erkrankungen als Hauptursache für Alltagsbehinderungen wurde der Bedarf nach koordinierter, evidenzbasierter und zukunftsorientierter Neurorehabilitation eindrucksvoll unterstrichen. In Plenarvorträgen, wissenschaftlichen Abstracts, Seminaren und praxisorientierten Workshops wurde ein umfassender Überblick über den aktuellen Stand der Wissenschaft sowie über innovative Ansätze in Diagnostik, Therapie und Versorgung gegeben.

Die Tagung fokussierte auf zentrale Themenfelder der modernen Neurorehabilitation, darunter Advanced Brain Imaging, Rehabilitationstechnologie, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sowie die Implementierung großer Studienergebnisse in die klinische Praxis. Weitere Schwerpunkte bildeten evidenzbasierte Leitlinien, Langzeitperspektiven neurologischer Erkrankungen, neue Therapieansätze bei kognitiven Störungen und Fatigue sowie personalisierte Rehabilitationsstrategien.

Ein besonderes Augenmerk galt der Versorgungstranslation, also der Überführung wissenschaftlicher Erkenntnisse in den klinischen Alltag. In zahlreichen Beiträgen wurden praxisnahe Lösungen diskutiert – von der Entwicklung adaptiver Therapietechnologien über neuromodulative Verfahren bis hin zur Integration psychischer Komorbiditäten und funktioneller Kommunikationstherapie.

Die gemeinsame Tagung demonstrierte eindrucksvoll die Innovationskraft und Interdisziplinarität der Neurorehabilitation im deutschsprachigen Raum. Dabei wurde deutlich: Der Fortschritt in der Neurorehabilitation ist untrennbar mit einem kooperativen Ansatz verbunden, der medizinisches Wissen, technologische Entwicklung und gesundheitsökonomische sowie politische Rahmenbedingungen zusammenführt.

Die Tagungsleitung der DGNR, SGNR und ÖGNR bedankt sich herzlich bei allen Teilnehmenden für ihre engagierten Beiträge, ihre wissenschaftliche Expertise und den konstruktiven Austausch. Die Tagung 2025 hat nicht nur zentrale Impulse für die Weiterentwicklung der Neurorehabilitation gesetzt, sondern auch deutlich gemacht: Unter einem D-A-CH lässt sich gemeinsam mehr bewegen – evidenzbasiert, praxisnah und innovativ.
Kongress-Highlights
Die gemeinsame Jahrestagung der DGNR, SGNR und ÖGNR 2025 in Freiburg stand unter dem richtungsweisenden Motto „Unter einem D-A-CH: Evidenz, Praxis und Innovation“. Der interprofessionelle und länderübergreifende Austausch lieferte substanzielle Impulse für die Weiterentwicklung der Neurorehabilitation – von der klinischen Praxis bis zur Versorgungsforschung und Technologieintegration.

Was zählt wirklich in der Rehabilitation? Prof. Derick T. Wade zur Kongresseröffnung

Einen eindrucksvollen Auftakt bildete die Eröffnungs-Keynote von Prof. Derick T. Wade (Oxford, GB), der die zentralen Prinzipien wirksamer Rehabilitation in den Mittelpunkt stellte. Anhand historischer Beobachtungen zeigte er, dass der transformative Effekt der Rehabilitation nicht auf technologische oder medizinische Durchbrüche zurückzuführen sei, sondern auf die Fähigkeit des Menschen zur Anpassung – unterstützt durch eine systematische, personenzentrierte klinische Herangehensweise. Die Rehabilitation müsse demnach konsequent biopsychosozial, zielorientiert und adaptiv gestaltet sein. Sein Konzept eines „kognitiven klinischen Ansatzes“ unterstreicht die Notwendigkeit ganzheitlicher Problemanalyse und individueller Zielplanung als Schlüssel erfolgreicher Neurorehabilitation.
Wirksame Rehabilitation entsteht nicht durch Technik, sondern durch systematisches, personenzentriertes klinisches Denken.
Die Zukunft der Neurorehabilitation liegt in der Verbindung globaler Evidenz mit lokaler, umsetzbarer Versorgung.
Globale Weichenstellung: Die Lancet Neurology Commission on Neurorehabilitation

Mit der Vorstellung der neuen Lancet Neurology Commission on Neurorehabilitation präsentierte Prof. Dr. Thomas Platz (Greifswald) ein global angelegtes Leuchtturmprojekt. Ziel der Kommission ist es, auf Basis globaler epidemiologischer Daten, gesundheitsökonomischer Analysen und systematischer Evidenzbewertungen pragmatische und umsetzbare Empfehlungen zur Verbesserung neurorehabilitativer Versorgung zu erarbeiten. Die transdisziplinäre Initiative umfasst unter anderem einen internationalen Versorgungs-Survey, Implementierungsanalysen und die Entwicklung priorisierter Interventions-Roadmaps – unterstützt durch WHO, WFNR, WSO und weitere internationale Akteure. Die Ergebnisse sollen weltweit als Entscheidungsgrundlage für Investitionen in Neurorehabilitation dienen.

Technologische Plattformen für die personalisierte Rehabilitation

Dr. Chris Easthope Awai (Vitznau) stellte mit seinem Team ein innovatives „i-health“-System vor, das personalisierte Neurorehabilitation durch hochdichte, multimodale Datenerhebung und KI-gestützte Analyseprozesse in der Klinik realisiert. Die Architektur umfasst digitale Assessments, Wearable-Sensorik, Echtzeitdatenverarbeitung sowie nahtlose Integration in klinische Informationssysteme. Erste Ergebnisse aus >2.500 Patiententagen zeigen eine hohe klinische Akzeptanz, reduzierte Dokumentationszeiten und ein wachsendes Interesse an datengestützter Entscheidungsfindung – ein starker Beleg für die Umsetzbarkeit digitalisierter Neurorehabilitation.

Rumpftraining in der Kritik: Evidenzbasierte Neubewertung

Im vielbeachteten Seminar „Mythos Rumpf“ hinterfragten Sabine Lamprecht und Simon Schlick den traditionellen Stellenwert des Rumpftrainings in der Neurorehabilitation. Basierend auf aktueller Evidenz – darunter eine Cochrane-Übersichtsarbeit (Thijs et al., 2023) – wurde dargelegt, dass der therapeutische Nutzen von Rumpftraining bei Schlaganfall, Ataxie und Armrehabilitation systematisch überschätzt wurde. Die Diskussion markierte einen Paradigmenwechsel hin zu spezifischeren, funktionell ausgerichteten Therapieansätzen und unterstrich die Bedeutung differenzierter, evidenzbasierter Indikationsstellungen.

Neue S3-Leitlinie TheMoS zur Mobilitätsrehabilitation nach Schlaganfall

Ein weiterer Meilenstein wurde mit der Präsentation der kommenden S3-Leitlinie TheMoS (Therapie der Mobilität nach Schlaganfall) durch PD Dr. Christian Dohle gesetzt. Aufbauend auf der ReMoS-Leitlinie und entwickelt nach dem AWMF-Regelwerk, fokussiert die neue Leitlinie erstmals systematisch auf die therapeutische Versorgung in ambulanten und (teil-)stationären Settings. Die Empfehlungen basieren auf GRADE-Methodik und werden durch ein strukturiertes Implementierungskonzept für Fachpersonen und Betroffene begleitet. Die Veröffentlichung ist für Ende Q1/2026 geplant.
Digitalisierung entfaltet ihren Nutzen erst dann, wenn Daten in klinisch sinnvolle Entscheidungen übersetzt werden.
Fazit:

Der DGNR-Kongress 2025 hat eindrucksvoll verdeutlicht, wie eng Evidenz, Praxis und Innovation in der modernen Neurorehabilitation verzahnt sein müssen. Die vorgestellten Initiativen, Leitlinien und technologischen Entwicklungen zeigen den Weg zu einer hochspezialisierten, interdisziplinären und zukunftsgerichteten Versorgung – national und international.
Author
Jakob Tiebel
Unternehmensberater Gesundheitswesen
Jakob Tiebel, Ergotherapeut, Studium in angewandter Psychologie mit Schwerpunkt Gesundheitswirtschaft. Klinische Expertise durch frühere therapeutische Tätigkeit in der Neurorehabilitation. Forscht und publiziert zum Theorie-Praxis-Transfer in der Neurorehabilitation und ist Inhaber von einer Agentur für digitales Gesundheitsmarketing.
References:

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