Experteninterview mit Dr. Christian Dohle: Warum ständige Wiederholung, intensive Therapie und moderne Technik entscheidend für die Gangrehabilitation sind – von Akutphase bis chronischer Therapie.
der Median-Klinik Berlin-Kladow und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurorehabilitation.
Mit ihm sprach Mario Leisle über den aktuellen Erkenntnisstand und die wichtigsten Empfehlungen.
Mit einem Therapeuten an ihrer Seite gelingt es den meisten Patienten in der Reha sehr schnell, irgendwie wieder auf die Beine zu kommen. Aber oft fehlt es an der notwendigen Sicherheit. Ich muss die Balance halten, muss beweglich sein, muss auf Hindernisse auf dem Boden reagieren und den Kopf drehen können, wenn mich jemand anspricht. Gehen ist ein komplexer Vorgang.
Genau, die ständige Wiederholung ist das Wichtigste. Ich muss das, was ich erreichen möchte, hochfrequent üben. Wichtig ist, dafür das Ziel genau festzulegen: Muss ich gehen lernen oder kann ich es schon und möchte die Gehgeschwindigkeit verbessern? Daraus ergibt sich die optimale Therapie.
Progressives Training bedeutet, wir passen uns immer dem aktuellen Leistungsniveau an. Je besser der Patient wird, desto schneller stelle ich das Laufband, damit er sich weiter steigern kann. Therapeuten nennen das „Shaping“. Und es muss sich natürlich um eine gangähnliche Bewegung handeln. Das Laufband ist ein Gerät, was diese beiden Ansätze gut vereint.
Ja, gerade für das Ausdauertraining gibt es klare Kriterien. Man richtet sich unter anderem nach der Herzfrequenz. Das ist die Kunst der Therapie, die Patienten an ihre Leistungsgrenze heranzuführen und sie dort zu halten, nicht in Über- oder Unterforderung zu kommen.
Robotikgestütztes Training ist seit geraumer Zeit eine Domäne der Gangrehabilitation. Man muss sagen: Die Technik hat für die Rehabilitation keinen Wert an sich. Aber für die Therapeuten und die Patienten wäre es deutlich aufwändiger, dasselbe Ergebnis durch konventionelle Therapie zu erreichen. Die Intensität und diese hohe Wiederholungsrate können sie konventionell kaum erreichen.
Auch für die chronische Phase sind Verbesserungen dokumentiert, nur die Effekte sind in der Regel kleiner. Aber wenn eine gewisse Fähigkeit da ist, die trainiert werden kann, wird es auch Verbesserungen geben. Das Training muss dann aber intensiv und hochfrequent sein. Ambulant wird das aufgrund der begrenzten Ressourcen schwer erreichbar sein.
Wir haben mit der Leitlinie einen wichtigen Schritt getan, indem wir die gängigen Verfahren ausgewertet haben. Medikamente scheinen bei den
unteren Extremitäten interessanterweise nur wenig zu helfen. Wir müssen jetzt noch besser differenzieren, welche Methoden wir bei einzelnen Patienten einsetzen. Persönlich glaube ich außerdem, dass die Elektrostimulation noch deutlich mehr Potenzial hat. Wie man sie am besten einsetzt, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.
Langwierig, wir haben mehrere Jahre daran gearbeitet. Wir haben tausende Arbeiten gesichtet und schließlich 188 Studien aus aller Welt ausgewertet. Für die gängigen Verfahren gibt es Meta-Analysen, in denen die Ergebnisse mehrerer Studien zusammengefasst sind. Die Studienlage ist mittlerweile recht gut, da muss sich die Rehabilitation nicht mehr hinter der Akutneurologie verstecken.
- Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe, Thala – Das Gesundheitsmagazin, Ausgabe 3/2016.
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