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WISSENSCHAFT
Neue NICE‑Leitlinie zur Rehabilitation chronischer neurologischer Erkrankungen

Ein evidenzbasierter Bezugsrahmen für koordinierte, lebensnahe und personenzentrierte Versorgung

Author
Jakob Tiebel
Unternehmensberater Gesundheitswesen
Im Oktober 2025 veröffentlichte das National Institute for Health and Care Excellence (NICE) eine umfassende Leitlinie zur Rehabilitation von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit chronischen neurologischen Erkrankungen und erworbenen neurologischen Beeinträchtigungen. Diese Leitlinie deckt die rehabilitative Versorgung in allen Settings ab – von der Akutversorgung über die ambulante Rehabilitation bis hin zur Community- und Langzeitversorgung – und soll einen evidenzbasierten, koordinierten und personenzentrierten Rahmen für Neurorehabilitation schaffen.
Die Leitlinie richtet sich an Gesundheitspflegende, klinische Teams, Sozial- und Versorgungsstrukturen, Entscheidungsträger*innen sowie Betroffene und ihre Angehörigen. Sie ergänzt und verknüpft sich mit bestehenden NICE-Guidelines zu spezifischen neurologischen Erkrankungen wie motorischer Neuronenerkrankung, Multipler Sklerose und Parkinson sowie mit Leitlinien zur Akutversorgung von Kopf- oder Wirbelsäulenverletzungen. Nicht eingeschlossen sind Leitlinien zur Rehabilitation bei Schlaganfall im Erwachsenenalter, Demenz, Epilepsie oder Zerebralparese – diese werden durch separate NICE-Empfehlungen abgedeckt.
Grundprinzipien der Leitlinie
Die Leitlinie legt ein neues Paradigma für neurologische Rehabilitation fest, das folgende Kernprinzipien betont:

• Ganzheitliche und personenzentrierte Rehabilitation, die physische, kognitive, psychosoziale und partizipative Aspekte gleichermaßen adressiert.
• Lifelong Care, also lebenslange rehabilitative Unterstützung, die sich an den individuellen Bedarfen und Zielsetzungen orientiert.
• Koordination und Kontinuität der Versorgung, unterlegt durch einen Single Point of Contact (z. B. Key Contact oder Case Manager) zur Navigation durch das Versorgungssystem.
• Multidisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Gesundheit, Sozial- und Community-Dienstleistungen, einschließlich freiwilliger und gemeinnütziger Sektoren.

Ziel ist es, Ungleichheiten in der Versorgung zu reduzieren, Übergänge zwischen Versorgungsbereichen zu glätten und für alle Betroffenen konsistent hohe Standards zu etablieren.
Physische Aktivität und Bewegung
Ein zentrales Kapitel der Leitlinie befasst sich mit körperlicher Aktivität und gezielter Bewegungstherapie – Schlüsselelementen jeder neurologischen Rehabilitation.

Individuelle Programme und Zielvereinbarung

Die Leitlinie empfiehlt die gemeinsame Entwicklung eines körperlichen Aktivitäts- und Übungsprogramms zwischen Fachperson und Betroffenem, um Muskelkraft, Ausdauer und körperliche Funktion zu optimieren. Dabei sollen Faktoren wie Fatigue, Schmerzen, kognitive Einschränkungen und das Risiko möglicher Schäden berücksichtigt werden. Supervision, Selbstübungen und lokale Angebote sollen je nach Bedarf kombiniert werden, und die Übungsdosis (Häufigkeit, Dauer, Intensität) klinisch relevant vereinbart werden.

Funktionell orientierte Bewegungsförderung

Für Personen mit funktionellen neurologischen Störungen werden Aktivitäten empfohlen, die zielorientierte, geplante Bewegung fördern und gleichzeitig die Symptomwahrnehmung anerkennen, aber die Aufmerksamkeit auf das Erreichen funktioneller Ziele lenken.
Fachliche Betreuung

Programme zur körperlichen Aktivität sollten von Fachpersonen mit Expertise in Übungsprogrammen entwickelt und überwacht werden, etwa Physiotherapeuten oder Ergotherapeuten mit neurologischem Fokus.
Rehabilitation ist ein kontinuierlicher Prozess – die neue NICE-Leitlinie setzt dafür einen neuen evidenzbasierten, lebensbegleitenden Standard.
Förderung langfristiger Verhaltensänderung

Die Leitlinie empfiehlt den Einsatz verhaltensbezogener Strategien, einschließlich kognitiver Verhaltenstherapie, motivationaler Interviewtechniken oder interventionsbasierter Ansätze, zur Unterstützung einer lebenslangen Aktivitäts- und Übungsbeteiligung. Barrieren wie soziale, kulturelle oder strukturelle Hindernisse sollen gemeinsam identifiziert und adressiert werden.
Stabilität, Mobilität und Gliedmaßenfunktion
Ein weiteres Kernkapitel befasst sich mit funktionellen Aspekten der körperlichen Rehabilitation.

Gezielte Trainingsprogramme

Bei Problemen mit Stabilität, Mobilität oder Gliedmaßenfunktion empfiehlt die Leitlinie spezifische, zielgerichtete Trainingsansätze, darunter:

• Funktionsorientiertes Training und aufgabenbasiertes Training (z. B. Gangtraining, Gleichgewichtsübungen, sensomotorische Aufgaben).
• Treadmill- und robotergestütztes Gangtraining, um sowohl Mobilität als auch Ausdauer zu fördern.
• Einsatz von Robotik und Spielmodi zur Verbesserung der Motivation und Trainingsqualität, wo verfügbar.

Die Leitlinie betont die Integration dieser Übungen in den Alltag – zu Hause und in der Gemeinschaft – und empfiehlt, klare Trainingsprogramme zu vereinbaren, die auch unabhängig oder mit Unterstützung von Familie und Betreuungspersonen durchgeführt werden können.
Kontext und Bedeutung für Praxis und Versorgung
Die neue NICE-Leitlinie repräsentiert einen Paradigmenwechsel in der neurorehabilitativen Versorgung, indem sie nicht mehr nur punktuelle Therapien, sondern koordiniertes, lebenslanges und personenzentriertes Case-Management fordert, das physische, psychosoziale und funktionelle Ziele integriert. Sie fordert klare Assessments, gemeinsame Zielsetzung, multidisziplinäre Zusammenarbeit und die Bereitstellung eines Single Point of Contact zur Navigation des Versorgungssystems.

Die Leitlinie unterstreicht zugleich, dass erfolgreiche Umsetzung nicht von allein geschieht: Sie erfordert ressourcenstarke, koordinierte Gesundheitssysteme, politisches Engagement, Ausbildung und Ausbau der rehabilitativen Fachkräfte sowie ausreichende Finanzierung, um die empfohlenen personenzentrierten, integrierten und lebenslangen Versorgungsmodelle realisieren zu können.
Schlussfolgerung
Die neue NICE-Leitlinie liefert einen umfassenden, evidenzbasierten Rahmen für die Rehabilitation chronischer neurologischer Erkrankungen und setzt neue Maßstäbe für die Gestaltung rehabilitativer Versorgung. Mit ihren Empfehlungen zu körperlicher Aktivität, funktionellem Training, Integration von Robotik/VR, ganzheitlicher Betreuung und langfristiger Versorgungskoordination bietet sie eine breite Grundlage für klinische Praxis, Versorgungsplanung und gesundheitspolitische Entscheidungen in der Neurorehabilitation.
Author
Jakob Tiebel
Unternehmensberater Gesundheitswesen
Jakob Tiebel, Ergotherapeut, Studium in angewandter Psychologie mit Schwerpunkt Gesundheitswirtschaft. Klinische Expertise durch frühere therapeutische Tätigkeit in der Neurorehabilitation. Forscht und publiziert zum Theorie-Praxis-Transfer in der Neurorehabilitation und ist Inhaber von einer Agentur für digitales Gesundheitsmarketing.
References:
  1. www.nice.org.uk/ guidance/ng252

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