
Movement quality is making a comeback in neurorehabilitation. Experts stress the importance of distinguishing between true recovery and compensation in stroke patients—and how training quality influences neuroplasticity and long-term outcomes.

Die Bewegungsqualität ist für die Forscher des SRRR und andere deshalb bedeutsam, um zwischen wirklichem Rückgewinn (True Recovery, Restitution) und Kompensation differenzieren zu können. Es geht also um die Beantwortung der Frage: Wodurch genau werden Schlaganfallpatienten im Verlauf der Erkrankung besser? Durch die Erholung des Nervensystems (True Recovery, Restitution) und damit dem Rückgewinn physiologischer Bewegungsmuster oder dadurch, dass alternative Bewegungsmuster (Kompensationen) antrainiert werden und sich etablieren [5]? Oder eine Mischung von beidem? Die Neuroplastizität ist ein wichtiger Faktor bei der Erholung nach einer Hirnschädigung. Sie ist die Grundlage sowohl der Restitution als auch der Kompensation. Das zentrale Nervensystem reagiert auf eine Schädigung (z.B. Schlaganfall) mit plastischen Veränderungen. Diese können adaptiv („günstige, geeignete“ Plastizität) oder maladaptiv („ungünstige, ungeeignete“ Plastizität) sein [7]. Es sind einerseits spontane biologische Prozesse (Umkehr der Diaschisis, Rückbildung der Penumbra), die zur Funktionserholung beitragen. Und andererseits lern- bzw. erfahrungsabhängige Prozesse. Die lern- und erfahrungsabhängigen Mechanismen führen zu strukturellen (dendritisches und axonales Sprouting, kortikales Re-Mapping, u.w.) und zu funktionellen Veränderungen (Langzeitpotenzierung) des Nervensystems [6]. Diese lern- und erfahrungsabhängigen Formen der Neuroplastizität (use-depend plasticity, learning depend plasticity, exercise-induced plasticity, guided-recovery) sind bei der Beschäftigung mit der Bewegungsqualität sehr relevant. Denn neuroplastische Veränderungen sind nicht das Ergebnis automatischer, ungerichteter und unbeeinflussbarer Prozesse. Ganz im Gegenteil. Plastizität ist reizabhängig und ist letztlich Ergebnis der Wiederholung bestimmter Bewegungsmuster. Häufig wiederholte Bewegungsmuster werden bevorzugt abgespeichert (Hebb`sche Plastizität). Dies gilt für physiologische Bewegungsmuster und ebenso für weniger physiologische Bewegungsmuster (Kompensation). Kompensatorische Bewegungsmuster gelten als Faktor für maladaptive neuroplastische Anpassungen [6][8]. Das „Wie“ der Bewegungskontrolle beeinflusst also auch die Art der Neuroplastizität (adaptiv oder maladaptiv).
Das SRRR hat sich mit der Bewegungsqualität im Rahmen der Rehabilitation der oberen Extremität beschäftigt. Hier ist es v.a. John Krakauer, der mit neueren Forschungsarbeiten und bemerkenswerten Thesen aufhorchen lässt [8]. Eine dieser Thesen lautet, dass ein „nicht-aufgaben-orientierter Therapieansatz fruchtbarer für die Erholung der Impairments (v.a. Kraft und motorische Kontrolle) ist“, als der weit verbreitete aufgabenorientierte Therapieansatz [9]. Krakauer geht sogar noch weiter, indem er sagt: „der Fokus des Trainings sollte eher auf der Bewegungsqualität als auf der Vollendung der Aufgabe liegen“ [9]. Basis seiner Aussagen ist der Umstand, dass Neuroplastizität reizabhängig und damit beeinflussbar ist. Und dass die pathologischen Bewegungsmuster der oberen Extremität (Flexorsynergie) ebenfalls beeinflussbar sind und eben nicht bestmögliche verbliebene Art der Bewegungskontrolle darstellen. Sie sind lediglich die für das geschädigte Nervensystem einfachste Art, Bewegungen abzurufen. Diese Form der Bewegungskontrolle ist keineswegs ein unausweichliches Schicksal, sondern sie ist im Sinne einer erhöhten Bewegungsqualität beeinflussbar [10-12].
Ähnlich wie bei der oberen Extremität sind auch hier Verbesserungen auf der Aktivitätsebene (Gehgeschwindigkeit, Gehausdauer) nicht zwingend Ergebnis einer tatsächlichen Restitution, sondern beruhen häufig auf dem Erlernen „effektiver“ Kompensationsstrategien [13][14]. Im klinischen Alltag sind typische Kompensationen beobachtbar: verminderte Gewichtsübernahme in der Standbeinphase auf der paretischen Seite, Kniehyperextension in der Standbeinphase auf der paretischen Seite, Zirkumduktion in der Schwungbeinphase auf der paretischen Seite, verlängerte Zweibeinstandphase, asymmetrische Bewegungsmuster usw. Es könnte also sein, dass durch die positive Beeinflussung der Bewegungsqualität adaptive Formen der Neuroplastizität genutzt werden können. Verschiedene Studien geben Hinweise darauf [15-16].
Routson und Kollegen [16] untersuchten den Effekt eines von Therapeuten manuell unterstützten Laufbandtrainings bei Schlaganfallpatienten. Sie kommen zu dem Schluss, dass dieses Training „das Potential hat […] die Qualität des Timings zu beeinflussen, was wiederum zu Verbesserungen der Symmetrie […] führen kann“. Die dabei angewendete manuelle Assistenz war darauf ausgelegt, die beim Gehen erwünschten Bewegungen des Rumpfes und der unteren Extremität sowie die zeitlichen und räumlichen Bewegungspattern positiv zu beeinflussen.
Die Autorinnen und Autoren der Studie weisen jedoch auch darauf hin, dass der Effekt der Therapie abhängig war von der Schwere der Ausfälle. Es erscheint sinnvoll, bei der Rehabilitation der unteren Extremität (Gehen) in angemessener Art und Weise die Bewegungsqualität zu beachten und zu therapieren. Deshalb weist Clare Maguire [17] darauf hin, dass Interventionen angewendet werden sollen, welche „die selektive Aktivierung von Muskelsynergien der unteren Extremität fördern”.
Zum Beispiel durch gezieltes Gehtraining mit und ohne Geräte, bei dem die kinematische Bewegungsdurchführung beeinflusst wird und so physiologische Bewegungsmuster geübt werden. Das verhindert die Verwendung kompensatorischer Bewegungsstrategien, was wiederum förderlich für die Erholung der prämorbiden Bewegungsmuster sein kann [17].
Die Auseinandersetzung mit der Bewegungsqualität ist als relevantes Thema auf die Bühne der motorischen Neurorehabilitation zurückgekehrt. Es gibt keine Pauschalrezepte zur Lösung dieser Problematik. Welche Rolle die Bewegungsqualität und welche Rolle die Kompensation spielt, sollte vielmehr sehr differenziert und individualisiert eingeschätzt werden. Einerseits verfügen nicht alle Patienten über dasselbe Potential zur Veränderung und zum Rückgewinn. Und andererseits besteht sicherlich noch Forschungsbedarf, um zukünftige Behandlungsstrategien zu entwickeln und zu evaluieren. Bezüglich des o.g. Faktors Potenzial zur Veränderung postuliert Robertson [18] eine dreiteilige Subgruppierung von Patienten:
1. Patienten mit spontanem Rückgewinn (leichte Schädigung des Nervensystems)
2. Patienten mit einem geführten Rückgewinn sog.
guided-recovery, basierend auf use-depend
plasticity, learning depend plasticity, exercise-
induced plasticity (moderate Schädigung des Nervensystems)
3. Patienten mit keinem oder sehr geringem Rückgewinn (schwere Schädigung des Nervensystems)
Für Patienten aus Subgruppe 2 ist eine Therapie unter Berücksichtigung der Bewegungsqualität sinnvoll. Für solche aus Subgruppe 3 ist eine Therapie, die Kompensationen zulässt bzw. sogar trainiert, geeignet. D.h. manche Patienten profitieren von einem auf Rückgewinn (Bewegungsqualität) angelegten Behandlungszugang und andere von einem kompensationsbasierten Ansatz [13]

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